Wunder gibt es keine

Interview mit Dr. Götz Marczinski, Wolfgang Pittrich

PPS & Co: Der IT-Dschungel ist wild wuchernd; hier den richtigen Weg zu finden, ist schwer. Die Aachener CIM GmbH ist als Beratungsunternehmen unter anderem darauf spezialisiert, Produktionsprozesse zu optimieren; dazu gehört auch die Auswahl der richtigen IT-Umgebung. fertigung wollte von Geschäftsführer Götz Marczinski wissen, auf was der Anwender bei der Auswahl eines Produktionsplanungssystems achten muss.

Ohne Planungssoftware geht gar nichts mehr - so sehen es zumindest die einschlägigen Anbieter. "Unser System bietet Funktionen, die Sie für die Steuerung der Fertigung benötigen und die Ihr PPS-/ERP-System nicht oder nur teilweise liefert", lautet da schon mal ein Slogan auf einer Anbieter-Homepage. Oder: "Wir verbessern den Informationsfluss und damit die Produktionsbedingungen". Vollmundige Aussagen, die oft mehr versprechen als sie halten. Das Problem dabei: Wie kann ich als Anwender aus diesem Software-Durcheinander das für mich richtige Planungssystem auswählen?

Für Götz Marczinski, Geschäftsführer der CIM Aachen GmbH, muss die Frage anders lauten und schon viel weiter vorne im Prozess gestellt werden: "Ich brauche für mein Unternehmen erst einmal eine Planungssystematik. Die Software benötige ich im Prinzip nur, um dann die Zettelwirtschaft zu ersetzen."

Was so einfach klingt, ist in Wirklichkeit ein sehr tiefgreifender Prozess. Am Anfang steht dabei die Überlegung: Welche Prozessschritte möchte man optimieren? Liegt der Schwerpunkt mehr auf einer Reihenfolgenoptimierung für Engpassanlagen? Oder braucht man ein Tool, um die Durchlaufzeiten insgesamt auf Vordermann zu bringen? "Ich muss mir zu einem hohen Prozentsatz im Klaren sein wie mein Unternehmen tickt", sagt Marczinski. „Genauso muss ich mich ehrlich fragen: Läuft meine Fertigung wirklich kompliziert ab oder herrscht dort nur Chaos?"

Aha-Effekt: Man hat den Überblick
Die Beschäftigung mit dieser Fragestellung hat den angenehmen Nebeneffekt, dass man plötzlich einen sehr guten Überblick über seine Maschinenverfügbarkeit bekommt. Außerdem führt sie in nicht seltenen Fallen zur Erkenntnis: Man braucht gar keine neue Software, sondern muss nur die vorhandenen Strukturen richtig nutzen. "80 Prozent unserer Kunden fragen nach einem neuen Softwaresystem. Wenn wir dann die Prozesse näher betrachten, benötigen nur 20 Prozent davon eine neue IT; 80 Prozent arbeiten mit der alten IT-Umgebung, aber mit neuer Systematik weiter."

Oft wird CIM Aachen gerufen, wenn es darum geht, Durchlaufzeiten zu optimieren, um im Endeffekt die Termine halten zu können. Ganz schnell taucht dann in der weiteren Diskussion der Begriff "Engpass" auf. Mit dieser Thematik müssen sich vor allem die klassischen Lohnfertiger in Einzel- und Kleinserie herumschlagen. Sie haben, so Marczinski, durch den ständigen Sortimentenmix eigentlich ein permanentes Problem mit der Maschinenauslastung. Hier hilft die richtige Software durchaus, diese Situation in den Griff zu bekommen: "Ich kann damit wandernde Engpässe abbilden und meinen Maschinenpark entsprechend austakten. Das funktioniert in Richtung Termintreue eigentlich ganz gut."

Dabei muss man als Unternehmer auch mal über den eigenen Schatten springen können, wie das Beispiel Maschinenauslastung zeigt. Nichts tut mehr weh als zu sehen, dass eine Maschine steht, obwohl der Termin zwickt. Aber, so Götz Marczinski, auch wenn die Produktivitätskennzahlen und die Kalkulation dafür sprechen, die Maschine auszulasten, kann die Entscheidung dagegen richtig sein: "Man muss vorher festlegen was man will: Termintreue bei geringen Beständen oder eine saubere Nachkalkulation. Also: Planungssystematik und Fertigungsprinzip müssen klar sein."

Welches Planungstool soll es sein?
Bleibt die Frage: Welches Planungstool ist das Richtige? Neben PPS (Produktionsplanungssystem) und APS (Advanced Planning and Scheduling) macht seit einigen Jahren auch der Begriff des MES (Manufacturing Execution System) die Runde. Alle Termini, so Marczinski, stehen für ein ganz bestimmtes Planungsverhalten: "Ganz grob gesagt, ist APS die Weiterführung des klassischen PPS: Es hebt die Einbahnstraße der Stücklistenauflösung auf, weil man die Stücklisten auf Teile und Kundenaufträge zurückverfolgen kann."

Das MES dagegen erweitert die APS-Systeme um eine Echtzeitkomponente: "Kurz gesagt: Wenn man innerhalb einer Schicht reagieren muss, dann ist MES das Mittel meiner Wahl. Es agiert zeitnah und mit Ist-Werten." Im APS wartet man dagegen auf die Rückmeldung der Aufträge nach Schichtende; vorher einen neuen Planungslauf zu starten ist sinnlos.

Dazu ein Beispiel: Wenn ein Werker nach der Bearbeitung feststellt, das Teil muss nochmals auf die Maschine, kann er im MES direkt in der Schicht einen Auftrag anlegen. Die Software ist so gestrickt, dass sich diese Änderung sofort in der Planung abbildet.

MES nehmen zudem die Ist-Kapazitäten auf und halten den direkten Kontakt zur Maschine. Sie berichten über Auswirkungen, wenn Maschinen defekt oder bestimmte Fachkräfte nicht anwesend sind: Mit Aushilfen dauerte es dann eben zwei Tage länger. "Wenn das System keine Echtdaten erfassen kann", präzisiert Götz Marczinski, "ist es für uns kein MES." Mithin ist MES also eine Software, die dem Fertigungsprofi durchaus helfen kann die Prozesse noch weiter zu optimieren.

"In einer aufgeräumten Fertigung den Schritt zu gehen und zu sagen: Ich führe jetzt MES ein, um über den Status quo hinaus weitere Reserven zu erkennen und zu erschließen", das findet Marczinski durchaus sinnvoll.

Zuvor sollten allerdings immer die Fragen stehen: Welchen Organisationsgrad hat mein Unternehmen? Wie ist die IT-Landschaft strukturiert? Welche Affinität habe ich als Verantwortlicher zum Thema IT? "Denn", so gibt Planungsprofi Marczinski zu bedenken, "die Erfassung von Ist-Daten ist immer auch ganz schnell ein Betriebsratsthema und daher mit Vorsicht zu genießen."

Seine Empfehlung: "Hätte ich ein Fertigungsunternehmen zu leiten, würde ich zuerst fragen: Bekomme ich mit meinem System Arbeitsvorratslisten, die mir reichen, um meine Produktion am Laufen zu halten? Dann reicht APS, und es spricht eigentlich nichts für ein MES." Kein Wunder, wenn er also zur Vorsicht rät: „Ich würde nicht mit einem MES anfangen, um meine Produktion zu organisieren. Wir haben viele Fälle, die nach MES fragen und bei einer elektronischen Plantafel landen, also eigentlich APS einsetzen."

Meine Meinung
Das Thema Produktionsplanung und Softwareauswahl überfordert manch Produktionsverantwortlichen - kein Wunder, bei der schier unendlichen Auswahl. Eine erste Orientierungshilfe können hier sicherlich der APS- und MES-Marktspiegel geben, den CIM Aachen herausgibt. Überhaupt macht es Sinn, sich vor einer Entscheidung von externen Profis beraten zu lassen. Sie schärfen den Blick fürs Wesentliche, und das heißt in vielen Fällen: Erst einmal die eigene Produktion richtig strukturieren. Oft reduzieren sich dann die mächtigen Softwaregebilde - die man sich unbedingt einbildet, weil sonst die ganze Produktion in Chaos versinkt - auf den vernünftigen Einsatz bereits vorhandener Systeme. Das spart Geld und vor allem Nerven.
Wolfgang Pittrich, Redaktion fertigung

Auf einen Blick
Schwierige Auswahl
IT-Profi Götz Marczinski empfiehlt bei der Auswahl des geeigneten Planungssystems folgende Vorgehensweise:

  • Genauer Blick auf das eigene Unternehmen werfen und eine Planungssystematik erstellen: Wie mache ich was?
  • Fertigungsprinzip und Planungslogik definieren - daraus lässt sich der Grad des Informationsbedarfs und damit die sinnvolle Software (PPS, APS oder MES) ableiten
  • Detaillierungsgrad bestimmen: Genügt das datenführende ERP-System oder braucht man weiterführende Daten?
  • Überlegen, welche Prioritäten man setzen will (Geht es "nur" um die Planung und Steuerung, braucht man ein stabiles QM-System, oder will man die Instandhaltung stärken?)
  • Überlegung: Bei der Erfassung der Ist-Daten (MES) können auch tarifrechtlich relevante Bereiche tangiert werden (Betriebsrat)

Profiwissen pur
Alles PPS, oder was ?
Während es früher nur das klassische Produk tionsplanungssystem (PPS) gegeben hat, ist die Planungswelt heute viel fragmentierter. Neben APS (Advanced Scheduling and Plan- ning) existiert auch noch die Gruppe der MES (Manufacturing Execution System).
APS-Systeme werden in der Produktionswirt schaft zur Unterstützung der Planungsfunktio nen von ERP- und PPS-Systemen eingesetzt. Eine allgemein anerkannte und exakte Definition existiert zurzeit nicht.
MES ist ein prozessnah operierendes Fertigungsmanagementsystem und ermöglicht die Kontrolle der Produktion in Echtzeit. Dazu gehören klassische Datenerfassungen und Aufbereitungen wie Betriebsdatenerfassung (BDE), Maschinendatenerfassung (MDE) und Personaldatenerfassung, aber auch alle anderen Prozesse, die eine zeitnahe Auswirkung auf den Fertigungs-/Produktionsprozess haben.
(Quelle: Wikipedia)

erschienen in fertigung, September 2008