Haute Cuisine oder Hausmannskost?

Dr. Götz Marczinski, Geschäftsführer, CIM Aachen GmbH

Systemauswahl: Toolmanagement-Spezialist Götz Marczinski vom CIM Aachen warnt davor, in die Investitionsfalle zu laufen: Nicht immer ist das System mit dem größten Funktionsumfang auch das am besten geeignete. Hier verrät er, worauf es bei der Auswahl ankommt.

In die Innovationsfalle gerät derjenige, der die Fähigkeit verliert, nach „unten“ zu blicken und sich entsprechend undogmatisch von scheinbar klar vorgezeichneten Innovationspfaden zu lösen. Das ist der Grund, warum immer wieder hoch innovative Unternehmen „links“ überholt werden oder sich in eine Sackgasse hinein „innovieren“.

Vor nicht allzu langer Zeit war ein Toolmanagement-System nicht mehr als eine gehobene Access-Datenbank. Heute finden sich teilweise schon Funktionalitäten, die an frühe CADSysteme erinnern, in manchen Software- Paketen wieder. Der Innovationspfad weist vom Toolmanagement über das Tool-Data-Management in Richtung Life-Cycle-Management der Werkzeuge. Doch muss es in Analogie zu PLM(product life cycle management)- Systemen tatsächlich „TLM“- Systeme geben? Es lohnt sich, wie immer, ein differenzierter Blick.

Nehmen wir das Beispiel eines Maschinenbaubetriebs mit eigener Teilfertigung. Auf mehr als 50 CNC-Maschinen werden Komponenten für die Montage und den Ersatzteilservice gefertigt. Die Bearbeitungstechnologien reichen vom einfachen Drehen über Revolverautomaten mit Gegenschlitten bis zu Mehrachs-Paletten-Fräsmaschinen.

Vollumfängliches Toolmanagement
Die Maschinen sind auf verschiedene Fertigungshallen an zwei Standorten verteilt. Die anspruchsvollen Bearbeitungen werden über das CAM-Modul des 3-D-CAD Systems programmiert. Also ein klarer Kandidat für ein vollumfängliches Toolmanagement-System.

Doch was heißt vollumfänglich? Nach unserer Definition umfasst Toolmanagement drei Kreisläufe:

  • die Versorgung der Fabrik mit Werkzeugkomponenten einschließlich des Nachschleifservice.
  • den Werkstattkreislauf von der Werkzeugmontage und -voreinstellung über die Bereitstellung an die Maschinen und zurück in die Werkzeugausgabe.
  • die Werkzeugauswahl für die NC-Programmierung und die Erstellung der benötigten Einstellpläne und Dokumentationen.

Für jeden Kreislauf werden Werkzeugdaten benötigt, jeweils in unterschiedlichem Detaillierungsgrad. Denn im Prinzip wird ja tatsächlich der gesamte Lebenszyklus des Werkzeugs durchlaufen.

Für die einfache Werkzeugbeschaffung bieten sich heute entsprechende Automatenlösungen an. Der Lieferant sorgt für den Füllgrad der als Konsi-Lager installierten Werkzeugschränke. Die Entnahme löst bei Unterschreitung der Meldebestände die Bestellung aus. Bezahlt wird entsprechend der entnommenen Menge.

Stichwort Innovation: Die heute erfolgreich eingesetzten Automaten haben eine eigene Verwaltungssoftware, über die verschiedene Lagersysteme geführt werden können. Kostenstellenbuchungen sind möglich, Statistikmodule zur Reichweitenoptimierung und zur Verbrauchsstatistik gehören zum Standard. Im Prinzip ist der erste Kreislauf damit ganz pragmatisch „abgehakt“.

Eindeutige Vorgaben
Kernpunkt ist die Generierung von Bereitstellaufträgen, die eindeutige Vorgabe für Montage und Voreinstellung sowie das Monitoring, wo welches Werkzeug zu finden ist. Dazu werden Funktionen benötigt, die es schon seit Jahr und Tag in den Toolmanagementsystemen gibt. Das heißt nicht, mit uralter Software die Werkstatt zu organisieren. Denn die Schnittstellen zu den Maschinensteuerungen und den Voreinstellgeräten sind für den reibungslosen Ablauf durchaus wichtig und müssen auf dem aktuellsten Stand sein.

Im Einstellraum ist wichtig, zu sehen, wie das montierte Werkzeug aussehen soll. Hier sticht in der Praxis jedes Foto ein CAD-Modell. Auch wenn es hier neue, „innovative“ Lösungen gibt. In der Werkstatt reichen 2-D-Zeichnungen, die entsprechend dem Komplettwerkzeug graphisch „montiert“ werden können, um die Werkzeugdokumentation zu erzeugen. Im Prinzip reicht hier ein Standard-Toolmanagementsystem auf entsprechend aktuellem Stand.

Stichwort 3-D: Die Daten sind für die NC-Programmierung interessant, insbesondere für die Kollisionsbetrachtung. Handelt es sich um rotationssymetrische Werkzeuge, ist das kein Problem. Hier können mit Hilfe der 2-D-Grafiken schnell die benötigten Modelle erzeugt werden. Umso schwieriger wird es dafür beim Drehen: Die Modellierung der entsprechenden Werkzeuge erfordert Werkzeugwissen und Konstruktions-Knowhow. Also stets fragen: Brauchen wir die Daten wirklich in 3-D? Und wenn ja: Am besten im CAD-System modellieren, dafür sind die Systeme gemacht und die Konstrukteure ausgebildet.

Auch wenn es gelingt, durch den Blick vom Innovationspfad weg pragmatisch Lösungen zu finden – ein Problem bleibt: Woher die Daten nehmen? Im Bereich der Standardwerkzeuge, die im genannten Beispiel nahezu 100 Prozent der eingesetzten Werkzeuge ausmachen, gibt es eine einfache Lösung: Auf einem handelsüblichen USB-Stick sind die Komponenten führender Hersteller verfügbar. Ohne Installation, einfach über die USB-Schnittstelle des PC laden. Die Aktualisierung erfolgt über das Internet. Die Standardwerkzeugdatenbank hilft auch als Referenz bei der Datenerfassung der Komplettwerkzeuge in der Werkstatt. Denn wenn nichts vorhanden ist, müssen die Daten manuell erfasst werden. Zwar „unmodern“, aber dafür sehr wirksam: Magazine ausfahren, Werkzeug fotografieren, Komponenten über CS-Professional identifizieren, fertig.

Toolmanagement-Seminar
Nach dem großen Erfolg in diesem Jahr wird Anfang 2008 das nächste Seminar zum Thema Toolmanagement ausgerichtet. Wieder steht der Dialog von Anwendern und Anbietern entsprechender Systeme im Vordergrund. fertigung und CIM Aachen laden am 22.01.2008 ins Hotel Maritim nach Ulm: Anwender können sich ein Bild über die Möglichkeiten aktueller Toolmanagementsysteme machen und bewerten, ob es wirklich „Top of the Line“ sein muss oder ob „Hausmannskost“ reicht.

erschienen in Fertigung, Oktober 2007

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