Panta rei: Ein Produktionssystem „im Fluss“

Ingo Laqua

Die Kundenforderungen nach mehr Flexibilität und das Verlangen, die eigene Leistungserbringung besser steuern zu können, waren die Ausgangspunkte für die Schott AG im Bereich Schmelztechnik ein ganzheitliches Produktionssystem einzuführen. Im Projekt „Panta rei“ werden die Produktionsressourcen flexibel auf den Auftragseingang ausgerichtet.

Die Platinwerkstatt des Servicebereichs Schmelztechnik in der SCHOTTGruppe versorgt die produzierenden Geschäftsbereiche mit Bauteilen und Komponenten für die Herstellung von Glas. Neben Edelmetallgeräten werden in dem Servicebereich weitere Komponenten und Apparate für die Glasherstellung gefertigt.

Analyse der Marktanforderungen
Die Anforderungen hieran sind in den letzten Jahren zunehmend gestiegen, da sich die Geschäftsbereiche ihrerseits in einem Marktumfeld mit kürzeren Produktlebenszyklen, hohem Preisdruck und der Forderung nach mehr Flexibilität bewegen.

Im Projekt „Panta rei“ (Alles fließt) wurde deshalb bewertet, wie tauglich die bisherigen Abläufe in Auftragsabwicklung und Produktionsplanung und –steuerung sind, um diese Anforderungen zu treffen.

Abbildung der Marktanforderungen in der Organisation
Eine zentraler Auftragseingang sowie eine zentrale Verplanung der Kapazitäten sprechen gegen die von den Kunden gelebte Praxis, dezentral auf die Platinwerkstatt zuzugehen. Motivation der Kunden für diese Vorgehensweise sind die Vermeidung von Schnittstellen sowie eine direktere Beauskunftung über Lieferzeiten und –termine. Ergebnis ist, dass die zuvor zentral verplanten Kapazitäten mit viel Aufwand in den Fertigungsgruppen wieder umgeplant werden.

Daraufhin wurde ein Konzept erarbeitet, dass sich derzeit in der Umsetzung befindet und diese Vorgehensweise legalisiert. D.h., der Auftragseingang wird bewusst dezentralisiert und Teile der Auftragsabwicklung in die Fertigungsbereiche integriert.

Für Standardkomponenten werden Lieferserviceklassen definiert, zu denen sich die Fertigungsbereiche committet haben und die dem Kunden feste Lieferzeiten nennen ohne aufwendige Kapazitätsabschätzung und Planungssimulationen durchführen zu müssen.

Ziel ist es, die Fertigungsbereiche so autonom auszurichten, dass sie einerseits die volle Verantwortung für ihre Produktion einschließlich Lieferzeiten bekommen. Andererseits werden ihnen alle Stellhebel in die Hand gegeben, um die geforderte Flexibilität (Arbeiten, wenn Arbeit da ist) zu realisieren.

Aufbau des Produktionssystems
Der Aufbau des Produktionssystems richtet somit seinen Fokus auf das Ziel, die Flexibilität zu erhöhen und die Frage, welchen Beitrag die Produktionsressourcen zu dieser Zielerreichung leisten können. Eine Bewertung der Produktionskapazitäten ergab, dass diese grundsätzlich keinen systematischen Engpass darstellten. Die verfügbaren Kapazitäten können somit nach oben geöffnet werden (entspricht Planung gegen unendliche Kapazität).

Personalseitig werden ebenfalls entsprechende Maßnahmen eingeleitet. Diese zielen bspw. auf die Qualifizierung der Mitarbeiter für den flexiblen Einsatz in unterschiedlichen Fertigungsgruppen oder den Aufbau flexibler Arbeitszeitmodelle.

Definierte Bauteile (außer Platin) werden als Fertigteile oder Halbzeuge über KANBAN-Lager gesteuert, um insbesondere bei Notfällen kurzfristig reagieren zu können. Die entsprechende Lieferserviceklasse beinhaltet demzufolge lediglich die Endbearbeitung und/oder den Versand.

Sollten dennoch sporadisch anlagen- oder personalkapazitive Engpässe entstehen, können die Fertigungsgruppen autonom über die Vergabe einzelner Arbeitschritte an externe Lieferanten entscheiden.

Einzig auf der Materialseite müssen aufgrund der beschränkten Verfügbarkeit von Platin Restriktionen festgelegt werden. Aufgrund des vorhandenen konstanten Edelmetallkreislaufs muss jedoch „nur“ sichergestellt werden, dass permanent die gleiche Menge Edelmetall zurückkommt, die als Fertigbauteile ausgeliefert wird.

Produktionscontrolling als Bestandteil des Produktionssystems
Um die Effizienz des aufgebauten Produktionssystems messen zu können, wird darüber hinaus ein auf die Anforderungen an die Fertigungsbereiche angepasstes Produktionscontrolling aufgebaut.

Bewertet werden hier neben den klassischen Finanzkennzahlen bspw.:

  • die Einhaltung der Lieferserviceklassen (= Termintreue)
  • die Verfügbarkeit von Lagerteilen in Zusammenhang mit der Bestandshöhe
  • die Mitarbeiter-Produktivität (enthält Qualitätskomponente) sowie
  • die Wertschöpfung, um den Eigenanteil der Fertigung am Gesamtergebnis reflektieren zu können.

Panta rei – Alles fließt!

erschienen in CIMAktuell, Januar 2005

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