Was ist ein Produktionssystem - und warum ist es wichtig?

Dr. Götz Marczinski


Effizient zu produzieren heißt, der Output aus der Fabrik muss größer sein als der Input. Kein Wunder, dass der Stressfaktor bei Produktionsverantwortlichen industrieweit Spitzenwerte annimmt. Denn gefordert wird nicht weniger als das Perpetuum mobile. Wie soll das gehen?

Welches Element sorgt für die wundersame Wertschöpfung? Der Schlüssel zur Auflösung des Rätsels liegt in der Klärung der Frage, was eigentlich Wertschöpfung ist. Jenseits aller akademischen Definitionen: Wertschöpfung ist allein definiert durch die Wertschätzung des Kunden. Und die bemisst sich aus der Differenz des monetär quantifizierten Kundennutzens (Preis) und der Kosten.
Für die Produktion stellt sich also neben der Kostenminimierung die Frage, welchen Anteil am Kundennutzen sie bereitstellen kann. Was honoriert der Kunde? Hier werden regelmäßig Termintreue bzw. Lieferbereitschaft und Qualität genannt, vielfach auch das Eingehen auf Sonderwünsche, also Flexibilität.

Diese Frage nach dem Nutzenbeitrag kann nicht ein für alle Mal, sondern muss täglich neu beantwortet werden. Denn einerseits ist die Wertschätzung des Kunden ein bewegliches Ziel, andererseits bietet der technische Fortschritt stets neue Freiheitsgrade bei der Zielerreichung. Täglich sind Entscheidungen zum Handeln zu treffen. Management ist gefordert. Wer also sorgt für die Wertschöpfung? Das Management! Bevor der Aufschrei „Und der Mann an der Maschine? Ist der nicht wertschöpfend?" ertönt. Der Mann an der Maschine ist heute eher Manager als Arbeiter. Es gibt doch kaum noch Arbeitsprozesse, die so fein in einzelne Verrichtungen gegliedert sind, dass sie von besseren Handlangern zu erledigen sind. Ganz im Gegenteil. Der Mann an der Maschine hat seine Aufgaben zu erfüllen. Und dazu hat er heutzutage nicht eine, sondern mehrere Maschinen, die er im Sinne des Kunden zu bedienen hat. Den „Mann an der Maschine" gibt es schlichtweg nicht mehr.

Und woher wissen die Mitarbeiter im Betrieb, was sie wie zu tun haben? Das „Was" ist vom Kunden definiert. Der Entscheidungsrahmen für das „Wie" ist vom Management im klassischen Sinn, also der Betriebsleitung, vorzugeben. Konkret ist der strategische Rahmen abzustecken, und es sind darauf abgestimmte operative Methoden und Hilfsmittel für das tägliche Geschäft bereitzustellen. Im Ergebnis erhält man eine Systematik aus Grundprinzipien der Produktion mit einer sachlogisch aufeinander aufbauenden Auswahl von Methoden.

Diese Produktionssystematik wird zusammen mit der entsprechenden Hardware (Fabriken, Maschinenpark, usw.) und der Personalausstattung als Produktionssystem bezeichnet. Erst das Zusammenspiel beider Komponenten führt zur Wertschöpfung, wobei der Stellhebel zur Wertsteigerung ganz klar die Systematik ist. Technische Einrichtungen lassen sich viel schneller kopieren als Prozesse, Entscheidungsstrukturen und die „Denke" der Mitarbeiter.
Doch letztlich sind auch Prozesse und Entscheidungsstrukturen kopierbar, womit wir wieder beim Thema „bewegliches" Ziel wären. Ständig müssen die Weichen in Richtung Effizienz gestellt werden, ständig ist das Management gefordert. Produktivitätsfortschritt beschreibt doch nichts anderes als die Geschwindigkeit, mit der eine Organisation den methodischen und technischen Fortschritt aufnimmt und umsetzt.

Klingt alles plausibel, aber warum ist das wichtig? Weil in der betrieblichen Praxis immer noch viel zu schnell „alles klar" gesagt wird, obwohl strategische Ziele und operative Maßnahmen widersprüchlich sind. Ein paar Beispiele:

  • Produktivität: „Alles klar", die Maschinen müssen brummen! Obwohl Rüstoptimierung besser gewesen wäre.
  • Effizienz: Prozesszeit verkürzen! Auch wenn die Maschine gar kein Engpass ist.
  • Kapazitätserweiterung: Gerechnet mit erhöhter Stückzahl! Ohne Rüstaufwand durch kleinere Lose zu berücksichtigen.
  • Bestandsreduzierung: Leitstand oder APS-Modul? Statt das Steuerprinzip zu hinterfragen.
Deswegen empfehlen wir die klare Ausformulierung des Produktionssystems für jeden Betrieb. Die Aufgabe besteht darin, auf absehbare Fragen passende Antworten vorzuformulieren. Dazu gehören:
  • Wie produzieren wir (Wie stellen wir uns dazu auf)?
  • Wie bewältigen wir das operative Geschäft?
  • Arbeitszeit und Motivation (Personal)
  • Anlageneffizienz (Kapital)
  • Bestandsniveau (Material)

Es geht darum, den „Blumenstrauß" an Möglichkeiten situationsgerecht auf das eigene Unternehmen einzugrenzen, um klar und eindeutig in das eigene Unternehmen kommunizieren zu können. Damit wird die Produktionssystematik lehrbar und damit für die Organisation lernbar! Und Lernen ist das Fundament des Produktivitätsfortschritts.

 

 

erschienen in CIMAktuell, November 2003

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