Engineering mit System

Umfrageergebnisse zur Digitalen Fabrik

Effizienz im Produktentstehungsprozess sowie effektive Planungsunterstützung sind zwei Seiten derselben Medaille. Wer an die Einführung einer "Digitalen Fabrik" denkt, der spricht gleichzeitig davon, eine Engineering- Systematik zur Wirkung zu bringen. Auf diesen Punkt können die Ergebnisse einer Umfrage zur Verbreitung der Digitalen Fabrik gebracht werden.

Unter dem Begriff Digitale Fabrik werden vor allem Werkzeuge für die Produktionsentwicklung verstanden (Bild 1). Dabei ist die Planungsunterstützung von der Absicherung der jeweiligen Planungsergebnisse zu unterscheiden. Dieses Verständnis der Digitalen Fabrik als EngineeringWerkzeug war Ausgangspunkt für die Durchführung einer Umfrage.

Die Befragung
Insgesamt wurden 250 Entscheider und Spezialisten produzierender Unternehmen gebeten, einen Fragebogen mit 25 Fragen zu beantworten. 42,4 % (106 Fragebögen) der Teilnehmer haben geantwortet. Verwertet für die qualitative Auswertung der Befragung wurden nur 62 Fragebögen, da 44 Unternehmen pauschal "das Thema Digitale Fabrik hat keine Relevanz für unser Unternehmen" geantwortet haben. Die Gemeinsamkeit der 62 Unternehmen, die konstruktiv geantwortet haben, sind auf positive Erfahrungen mit dem systematischen Produktdatenmanagement zurückführen. In diesen Unternehmen wird eine Analogie von Produkt- und Produktionsentwicklung erkannt. "Was wir in der Produktentwicklung an Methoden und Systemen durchgesetzt haben, erfasst jetzt die Produktionsplanung", so der Entwicklungsleiter eines der befragten Unternehmen.

Trendaussagen
Im ersten Teil der Befragung ging es zunächst um "allgemeine Einschätzungen" und die Bewertung der Relevanz für das eigene Unternehmen. Das Verständnis des Begriffs Digitale Fabrik ist tendenziell einheitlich, wobei die Einschätzung überwiegt, dass es sich bei der Digitalen Fabrik um einen Sammelbegriff für "Neue Verfahren" handelt. Der Integrationsaspekt wurde jeweils deutlich betont. Eine explizite Antwort fasst diese Sichtweise treffend zusammen: "Die Digitale Fabrik ist eine neue Plattform für Engineering-Werkzeuge mit hohem Anspruch an die Integration" (Bild 2). Dass die Digitale Fabrik zu den Softwarewerkzeugen gezählt wird, zeigt sich auch in der Einschätzung als "Einflussfaktor auf die Wettbewerbsposition". Die Digitale Fabrik wird mehrheitlich als notwendiges, nicht aber als hinreichendes Mittel zur Wettbewerbsdifferenzierung gesehen. "Notwendig, um die Wettbewerbsposition zu halten beziehungsweise weil die Kunden den Einsatz fordern", so die Mehrzahl der Antworten.

Der Respekt vor den ebenfalls abgefragten "möglichen Risiken" zeigt sich in der Bewertung möglicher Zukunftsszenarien. Der Einsatz von Digitalen-Fabrik-Methoden wird industrieweit in drei bis fünf Jahren erwartet. Allerdings sieht ein großer Teil der Befragten die Anwendung in Stabsabteilungen und nicht im täglichen Geschäft. "Nur da, wo es Sinn macht, werden wir die Digitale Fabrik einsetzen", so ein häufig genannter Kommentar. Der Nutzenbewertung wird also in Zukunft eine steigende Bedeutung zukommen. Dieser Trend wird von Experten im persönlichen Gespräch bestätigt.

Motivation der Anwendung
Befragt nach der "Motivation zur Anwendung im eigenen Unternehmen" stehen Zeitverkürzungen im Produktentstehungsprozess und speziell das Vermeiden beziehungsweise Abschätzen der Auswirkungen von Änderungen im Vordergrund der Betrachtung. Dass nur knapp 30 % aller Änderungen durch eine digitale Absicherung im Vorfeld vermieden werden könnten, ist vielen der befragten Unternehmen dabei bewusst. Die Mehrzahl der Befragten erwartet eine Verschiebung der Tätigkeitsinhalte von Engineering-Mitarbeitern weg von administrativen hin zu planenden Tätigkeiten. Es geht darum "mit den Methoden der Digitalen Fabrik den Planern den Rücken freizuhalten, damit sie tatsächlich Planung im eigentlichen Sinn betreiben können." Die Erwartungen sind also effektivere Planungen bei weniger Informationssuche und Abstimmungsaufwand.

Aus der firmenspezifischen Nutzenperspektive wird die Digitale Fabrik zum großen Teil als Prozessthema eingeschätzt. Die Nutzenpotentiale sollen erschlossen werden über

  • verbindliche Kommunikationsstrukturen,
  • das Durchsetzen "schlanker" Entwicklungsprozesse und
  • die Entlastung von Routineaufgaben.

Organisatorische Maßnahmen im Vorfeld einer Einführung der Digitalen Fabrik werden demnach auch als größter Hebel für Zeiteinsparungen im Entwicklungsprozess gesehen.

"Schlanke" Engineering-Systematik
Die Befragungsergebnisse zeigen, dass die Digitale Fabrik nicht von allen in erster Linie als Engineering-Thema gesehen wird. Hier gilt es noch Überzeugungsarbeit zu leisten, die nur aus der Nutzenperspektive gelingen kann. Die zentrale Frage lautet: "Was passiert im Produktentstehungsprozess, wenn die Digitale Fabrik zur Wirkung gebracht wird" Es ist davon auszugehen: Was heute bereits im physischen Wertstrom passiert, wird die Digitale Fabrik im Produktentstehungsprozess durchsetzen. Die Routine wird vereinfacht und Iterationsschleifen werden reduziert. Es gilt, notwendige Dokumentationsarbeiten zu beschleunigen sowie Doppelarbeiten zu unterbinden. Oder anders gesagt: Ziel ist das Vermeiden von Verschwendung und die Durchsetzung schlanker Prinzipien im Produktentstehungsprozess (Bild 3). Einhellige Meinung der Befragungsteilnehmer ist, dass die Digitale Fabrik in drei Jahren wettbewerbsnotwendig ist und helfen wird, die relative Wettbewerbsposition zu halten.

Götz Marczinski
Dr.-lng. Dipl.-Wirt.-lng. Götz Marczinski ist Geschäftsführer der CIM GmbH in Aachen.

 

 

erschienen in VDI-Z, November/Dezember 2006