Völlig losgelöst? – Virtuelle Unternehmen sind Realität

Dr. Götz Marczinski

Die überbetriebliche Zusammenarbeit wird vielfach als Lösungsweg für anstehende Herausforderungen des globalen Wettbewerbs gesehen. Konzeptionell gute Ansätze scheitern dabei jedoch oft an den kleinen Gemeinheiten des betrieblichen Alltags. Mit dem in der Schweiz entwickelten Konzept der „Virtuellen Fabrik“ sind diese Probleme in zwei Fällen praktisch gelöst worden.

„Eine virtuelle Fabrik ist ein loser Zusammenschluß wirtschaftlich unab-hängiger Unternehmen. Gemeinsam werden Marktchancen identifiziert und durch den schnellen und effizienten Aufbau einer operativen Kooperation erschlossen“, faßt Prof. Schuh als geistiger Vater der Virtuellen Fabrik die Grundidee zusammen. Damit ist im Prinzip alles gesagt, denn der Erfolg der Virtuellen Fabriken in der Euregio Bodensee und Nordwestschweiz/Mittelland bestätigen den Reifegrad des Konzepts.

Wichtig dabei ist zu erkennen, daß die virtuelle Fabrik auf den zwei Ebenen

  • Kooperationsnetzwerk und
  • Produktionsnetzwerk

stattfindet. In dem dauerhaft angelegten Kooperationsnetzwerk werden die Voraussetzungen für den schnellen und effizienten Aufbau von Kooperationen geschaffen. Rollen und Aufgaben, Spielregeln der Kooperation, die geeignete Infrastruktur sowie die Vermarktungsschritte werden festgelegt. Bezogen auf die kooperative Wertschöpfung bedeutet das Kooperationsnetzwerk praktisch nur den „Stand-by-Modus“.

Die reaktionsschnelle Auftragsbearbeitung erfolgt dann in Produktionsnetz-werken. Nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten konfigurieren sich die Partner entsprechend der Auftrags-/Produktcharakteristik. Normalerweise arbeiten im Produktionsnetzwerk also nur einige der Firmen des Kooperationsnetzwerks projektbezogen und damit zeitlich limitiert zusammen. Auf der Grundlage der „Verfassung“ des Kooperationsnetzwerkes bieten sich für die Produktionsnetzwerke situationsbezogen alle denkbaren Varianten der überbetrieblichen Zusammenarbeit, angefangen von integrierten Kunden-Lieferantenbeziehungen über vollständige Zulieferketten bis hin zu Joint-Ventures und sogar Firmenneugründungen.

Die konzeptionelle Ausrichtung der Virtuellen Fabrik auf zusätzliche Marktchancen, auf Innovation und sogar als Vehikel zum Strukturwandel traditioneller Industrieregionen zeigt ganz klar, was die Virtuelle Fabrik nicht ist. Die Virtuelle Fabrik ist nicht der „Club der Untoten“, die sich nur aus dem Grund zusammenfinden, um ihre Überkapazitäten an den Mann zu bringen. Wer ablauf- und aufbauor-ganisatorisch schwach aufgestellt ist, wer keine klare Marktfokussierung und keinen Spielraum zur Umsetzung neuer Ideen hat, der ist kein Kandidat für die Virtuelle Fabrik.

Prof. Schuh hat also bei seiner Konzeption zwei wesentliche Fehlinterpretationen anderer Ansätze vermieden. Einerseits werden Großunternehmen nicht grundsätzlich von der Virtuellen Fabrik ausgeschlossen, und damit in vielen Fällen der Marktzugang für die gesamte Kooperation wesentlich gestärkt. Andererseits wird bei der Zielgruppe der kleinen und mittleren Unternehmen „klein“ nicht als schwach und „mittel“ nicht als mittelmäßig interpretiert. Der ideale Partner einer Virtuellen Fabrik erfüllt also zwei wesentliche Voraussetzungen.

  1. Strukturell ist er so effizient aufgestellt, daß das dringendste Problem die verpaßten Gelegenheiten sind. Erfolgreich in klar fokussierten Märkten sucht das potentielle Unternehmen nach Möglichkeiten, erkannte Marktchancen zu realisieren, ohne das Stammgeschäft zu verwässern.
  2. Das Tagesgeschäft ist als „Selbstläufer“ organisiert, d. h. es bestehen Freiräume zur intensiven Auseinandersetzung mit neuen Gelegenheiten.

Für Technologieführer im Mittelstand besteht darüber hinaus die attraktive Möglichkeit, das allgegenwärtige Problem der Unteilbarkeit zu minimieren. Wer komplexe Technologien und neue Anwendungen sicher beherrscht, aber aufgrund des eigenen Bedarfs nicht auslasten kann, ist im jeden Koperationsnetzwerk herzlich willkommen. Möglicherweise rechtfertigt sich durch die Zusammenarbeit im Netzwerk eine sonst als „utopisch“ zurückzuweisende Investition.

Die CIM GmbH beabsichtigt, das Konzept der Virtuellen Fabrik mit interessierten Unternehmen auf die Praxistauglichkeit hin zu untersuchen. Die bereits vorliegenden Erfahrungen mit der überbetrieblichen Zusammenarbeit sowohl im CIM-Verein als auch bei der Entwicklung und Vermarktung des elektronischen Werkzeuginformationssystems machen uns zuversichtlich, zielgerichtet praktisch nutzbare Ergebnisse zu erzielen. Inhalte und Erfahrungen bestehender Virtueller Fabriken stehen im CIM-Verein über die Fa. GPS Prof. Schuh Komplexitätsmanagement als Mitgliedsunternehmen aus erster Hand zur Verfügung. Wir laden Sie gerne zu einem Informationsworkshop mit der anschließenden Konstitution eines entsprechenden Arbeitskreises ein. Schreiben Sie uns. Oder rufen Sie uns an.

erschienen in CIMAktuell, November 1998

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