Wirksames Anlaufmanagement – die Qualifikationsrunde für Produktionsprozesse

Dr. Götz Marczinski

Der Serienanlauf ist ein Spiegelbild des Zusammenspiels von Produktentwicklung, Fabrik-, Betriebsmittel-, Montage- und Logistikplanung innerhalb eines Unternehmens unter Einbeziehung der jeweiligen Lieferanten und Systempartner. Hier zeigt sich neben der Qualität der Einzelprozesse insbesondere, wie gut es gelungen ist, die Vielzahl der notwendigen Know-how-Träger konzertiert zu einem Gesamtziel zu führen.

Lernen kann ein Anlaufmanager viel von erfolgreichen Mannschaftstrainern. Denn die Kriterien zur Kennzeichnung eines erfolgreichen Serienanlaufs können zum grossen Teil durch die konsequente Anwendung bekannter Organisations- und Führungsmethoden sowie erprobter Hilfsmittel erfüllt werden. Entscheidend ist zu erkennen, dass in der Anlaufphase „gelockerte Regeln“ gelten. So wird in der Qualifikationsrunde für die WM auch nicht im K.O.-System gespielt. Und in Testspielen werden alternative Konzepte versucht, jeder einzelne muss sich als Teil der Mannschaft qualifizieren, Stammspieler gibt es nicht.

Anpassen des Produktionssystems
Mit der Festlegung der jeweiligen Anlaufstrategie werden sich Zielkonflikte mit der Produktionssystem im „eingeschwungenen“ Zustand ergeben. So vertragen sich die weitverbreiteten Prinzipien der Lean Production nur bedingt mit den Erfordernissen des Serienanlaufs. Aufgabe des Anlaufmanagements muss es also sein, die Produktionsstrategie im Vorfeld für diesen Zweck entsprechend anzupassen. Insbesondere in einer funktionierenden Lean Production Umgebung fällt es erfahrungsgemäß schwer, die Stringenz der „reinen Lehre“ im Sinne eines kontrollierten Hochlaufs zu lockern. Hierzu gehören beispielsweise folgende Punkte:

  • Fehlertolerante Produktionslogistik (Back up und Repair Puffer)
  • FiFo Linien verlängern bzw. durch temporäre Puffer entkoppeln
  • Losgrössenfertigung zur Vermeidung von Werkzeugwechseln erlaubt
  • „By Pass“-Linien für Reparaturen neben der Linie erlaubt
  • Fehlertoleranz gegenüber Lieferanten und entsprechende Kompensationsstrategien

Die zur Unternehmensführung eingesetzten Instrumentarien (Projektmanagement und Lieferantenkoordination, Materialversorgung, Personaleinsatzplanung, Qualitätssicherung,..) müssen angepasst werden. Beispielsweise ist die Fortschrittskontrolle über sog. Gateways auch im Anlauf anwendbar, allerdings sind die „Grüne Ampel“-Kriterien ggf. zu lockern bzw. über zusätzliche Zwischenschritte zu entspannen. Wichtig ist auch die Anpassung des Produktionscontrollings, um das Monitoring des Anlaufs mit entsprechenden Kennzahlen wie „Geradeauslauf“, Nacharbeitsquote (Zeit über Soll) durchführen zu können.

Hilfsmittel
Wirksames Anlaufmanagement beruht u. a. auf:

  • Zeit- und mengengerechter Bereitstellung der benötigten Ressourcen (Personal in entsprechenden Qualifikationsstufen, Anlagen und Betriebsmittel, Teile)
  • Verlässlicher Informationsbereitstellung (Datenaktualität und -stabilität, Erfahrungswissen, ..) und Beherrschung der Änderungsdynamik
  • Phasengerechter Prüf- und Nacharbeitsstrategien, um Teile „in-Spec“ zu bringen
  • Wirksamer Führung (fallgerechte Anlaufstrategie, Vereinbarkeit von Zielen bzw. behandeln von Zielkonflikten, Disziplin im Anlaufmanagement,..)

Neben dem allgemeinen Projektmanagement setzt CIMAachen deswegen regelmäßig folgende Hilfsmittel im Anlaufmanagement ein:

  • WorkFlow-Systeme zum Aufbau einer verbindlichen Kommunikation
  • Lieferkettenmonitor zur Kontrolle der Bedarfsplanung und der Teileversorgung und dem frühzeitigen Identifizieren von Lieferstörungen
  • Planungswerkzeuge der „Digitalen Fabrik“.

In einigen Fällen ist für den gesamten Stücklistenprozess (Auftragskonfiguration, Teilebedarfsplanung, Bestellung, Eingangskontrolle bzw. Bauzustand (verbaute Teile) der Einsatz einer speziellen Vorserien-IT empfehlenswert. Damit umgeht man die Probleme der Serien-IT, die häufig nur mit freigegeben Teilen, festgeschriebenen Abrufen etc. funktioniert und wenig manuelle Eingriffe zulässt. Auch die Vielzahl der Änderungen in der Vorserie müssen dann nicht durch die starre Serien-IT „gedreht“ werden.

Erfahrungen Nutzen
Die von der CIM GmbH für das Anlaufmanagement eingesetzten Methoden haben ihren Ursprung im Anlagenbau und sind unter höchsten Anforderungen (Zeit, Komplexität der Fertigungstechnologie) im Halbleiterbereich weiterentwickelt worden. In mehreren Fällen ist das aktive Anlaufmanagement exemplarisch durchgeführt worden, um dann eine entsprechende Unternehmensfunktion einzurichten. Im Automobil- (Zulieferbereich) liegen Erfahrungswerte aus unterschiedlichen Bereichen vor (Abgasanlagen, Presswerk, Geländefahrzeuge).

erschienen in CIMAktuell, Januar 2005